Weshalb Red Bull Salzburg dennoch widerwärtig ist

Heute abends und morgen früh werden die meisten österreichischen Fußball-Interessierten wieder stolz sein, dass ein österreichischer Klub international  dermaßen gut abschneidet: Red Bull Salzburg hat nach dem 3:0-Sieg in Amsterdam ohne weitere Mühe die Hürde Ajax genommen.

 

Mir gefällt das nicht. Mir ist es egal, ob dieser „Verein“ ein österreichischer ist (mir schmecken übrigens auch Mozartkugeln nicht, nur weil sie österreichisch sind). Ich finde das Projekt „Marketing mit Fußball“, das der Getränkehersteller da derzeit in Österreich, Deutschland und den USA aufzieht, widerwärtig. Es wird dem Fußball in diesen Ländern nicht gut tun, trotz fortgesetzter Anreicherung dieser Fußball-Filialen mit Konzern-Millionen.

 

Dazwischen angemerkt: Als Austria-Anhänger habe ich – no na – zu anderen Vereinen eine ablehnende Haltung. Klar mag ich auch Rapid nicht, auch nicht Bayern und Real Madrid ebenso wenig, von Chelsea ganz zu schweigen. Aber die Einstellung zu Red Bull Salzburg ist dennoch eine andere. Das ist nicht die Rivalität zwischen Fußballfans – das ist der Zorn auf denjenigen, der mitten auf den Platz macht (….wollte nicht „scheißt“ schreiben, weil Red Bull Fäkalsprache gar nicht mag).

Was nicht heißt, dass die jüngsten sportlichen Erfolge von Red Bull Salzburg im Europacup geschmälert werden sollten: Vom rein sportlichen Standpunkt her wird ein modernes System gespielt, das man so in Österreich noch nicht gesehen hat. Auch der Vorsprung in der Meisterschaft ist mehr als verdient und nur schlechte Verlierer behaupten, dieser sei auf die Schwäche der anderen Teams zurückzuführen. Kampl, Soriano und Alan sind wunderbare Fußballer.

 

Auch ist nichts gegen Red Bull an sich zu sagen, was auch immer man von dem seltsamen Getränk halten mag: Alleine die Tatsachen, dass hierzulande Steuern gezahlt werden und mit einem genialen Marketing-Konzept durchschnittlich schmeckende Getränke milliardenweise verkauft werden, sind beachtlich. Doch der Fußball ist für diesen Konzern ein Marketing-Kanal wie Dutzende andere auch. Auch das wäre nicht schlimm, weshalb nicht mit dem Fußball werben? Das Problem beginnt dort, wo die Kultur dieser Sportart nachhaltig (ein Lieblingswort der Ökonomen) verändert wird: Selbst der Profifußball darf nicht nur Werbe-Maschinerie sein, will er seine Faszination beibehalten. Das haben in Ansätzen sogar die geldgierigen FIFA- und UEFA-Funktionäre verstanden und die Milliardäre, die sich englische Klubs kaufen. Denn damit der Fußball faszinierend und authentisch bleiben kann, muss es ein Verständnis dafür geben, woher der Fußball kommt, was die Fußballkultur ausmacht, wieso es die Menschen so sehr begeistert. Fußball ist mehr als eine Möglichkeit, teure Werbeminuten oder Pay-TV-Abos zu verkaufen. Die meisten, die sich mit Fußball beschäftigen und damit Geschäfte machen, haben das verstanden. Red Bull nicht, weil Red Bull eben den Sport immer nur für den Verkauf genutzt hat, als nichts anderes – das beweisen die Diskussionen um die tödlichen Unfälle von Red-Bull-Akteuren. Der unaufhaltsame Aufstieg dieser Marke ist mit der Verbindung als „sportliche“ Marke verbunden, anfangs (als kleines Nischenprodukt) mit Extremsportarten, später mehr und mehr auch mit Massensportarten wie eben Fußball oder Formel 1. Sportsponsoring war und ist eine gute (und vergleichsweise sogar billige) Möglichkeit, ein Allerweltsprodukt mit „Werten“ aufzuladen wie „Coolness“, „Sportlichkeit“ oder „Individualität“.

 

Daraus erklärt sich, dass Fußball oder Salzburg nicht ausgesucht wurde wegen des Glauben an etwas Funktionierendes, etwas Originäres. Sondern weil nach einer simplen Kosten-Nutzen-Rechnung etwas übernommen wurde, um dieses „Etwas“ in ein Gesamt-Marketing-Konzept einzubetten. Das ist nicht ganz risikolos.

 

Doch bei aller Professionalität: Diesem Konzern fehlt der Respekt davor, dass speziell der Fußball eben nicht nur aus gutbezahlten Mitarbeitern, noch besser bezahlten Führungskräften und pfiffigen Slogans besteht. In seinem beachtlichen und beachteten Artikel über RB Leipzig fürs Magazin „11 Freunde“ hat Philipp Köster gemeint: „Für die Fußballkultur ist der Klub (…) eine schallende Ohrfeige.“ (hier die Reaktionen auf den Artikel - wären doch die RB-Fans auch im Stadion so lebhaft....) Das gilt auch für Österreich: Wie in Leipzig, so haben auch in Salzburg originäre Elemente dieser Kultur nichts verloren, weil sie die konstruierte Werbewirklichkeit und die Mär vom salonfähigen, sauberen Leistungssport stören könnten: Eine Fan-Kultur wie jene der Ultras wirkt da störend und wird mit verzweifelten Bemühungen, etwas Ähnliches zu erschaffen, auf peinliche Weise persifliert. Die „Fan-Choreographie“, die da in der Salzburger Freiluft-Disco abgespielt wird, ist so originell und original wie der Musikantenstadl in Südkorea: Das stellt sich also der Laie unter Fußball-Folklore vor.

 

„Und wie war das mit Stronach bei der Austria?“, höre ich da (präventiv) Red-Bull-Verteidiger wie den hochgeschätzten Herrn Sander in meine Polemik einwerfen. Gute Frage: Die Ära Stronach bei der Austria war – von teuer erkauften Titeln abgesehen – eine Katastrophe. Die Austria hatte sich mit Haut und Haaren verkauft und wir Fans haben (so muss man gestehen) zu wenig dagegen gemacht. Die Aussicht auf gute Spieler und eine Stärkung des Vereins haben die meisten mundtot gemacht. Der Unterschied aber: Im Kern blieb der Verein auch zu der Zeit bestehen. Bei Salzburg war und ist das anders: Austria Salzburg wurde zerstört, einzig die Hülle wurde von besagtem Konzern benötigt, um sein Projekt auf Schiene zu bringen. Kein Wunder, dass die echte Austria Salzburg heute etwas Anderes ist als das rot-blaue Marketingprojekt von Kaisers Gnaden.

 

Ja, Fußball ist manchmal roh, manchmal ordinär, bisweilen missbraucht für politische Zwecke oder Wirrköpfe – aber der Fußball bleibt sich im Grunde immer treu. Auch Red Bull bleibt sich im Grunde immer treu. Beides gemeinsam – das geht nicht.

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