Staubzucker, Plachutta und was dahinter steckt

Der heutige Shitstorm, so die Bezeichnung für die tägliche, rasche Erregung, hat sich über Mario Plachutta zusammengebraut. Der Anlass war eine Aussendung der Arbeiterkammer über die Entlassung eines Mitarbeiters wegen einer offensichtlichen Bagatelle, nämlich die Verwendung betriebseigenen Zuckers zwecks Versüßung einer Zwischenmahlzeit. Das Arbeitsgericht war laut AK der Meinung, die Verwendung von 50 Gramm Staubzucker sei kein triftiger Entlassungsgrund. Herr Plachutta hat recht rasch reagiert, aber seine Aussendung war nicht gut durch, unter anderem der Grammatik wegen.

 

Wie schon im Fall Lichtenegger waren Spott und Häme die vorhersehbaren Folgen. Und wie so oft wäre es falsch, die Empörung als Ausdruck hirnloser Kommentarwut von Menschen mit allzu viel Tagesfreizeit abzutun – zumindest nicht ausschließlich. Denn hinter der raschen, oberflächlichen Beschäftigung steckt auch in diesem Fall mehr: Es geht um mehr als um den Umgang eines einzelnen, bekannten Gastronomen mit seinen Mitarbeitern, um seine Einstellung zu Leihpersonal oder auch um seine Meinung zu Lehrlingen ("Analphabeten"). Sondern darum, dass eine solche Einstellung von "Führungskräften" und Unternehmern ganz typisch ist und eines der Grundprobleme am Arbeitsmarkt. Dass das Ganze in dem Fall mit einem unappetitlichen, unmotivierten Hinweis auf die Herkunft des Arbeitnehmers garniert wird, ist auch nicht ganz untypisch. Nur ein kleiner Hinweis: Ohne billiges Personal aus Ungarn, der Slowakei und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks könnte in Wien mindestens zweite Lokal und Hotel zusperren.

 

Wichtiger aber als der Einzelfall eines Unternehmers mit niedriger Frustrationstoleranz ist aberdie generelle Einstellung vieler Unternehmen zu ihrer wertvollsten Ressource, den Mitarbeitern:

 

Die sollen doch froh sein, dass sie einen Job haben. Die sollen uns dankbar sein. Die sollen sich mit dem Gehalt zufrieden geben, es geht halt nicht anders.

 

Zwar  ist klar, dass etwa Gastronomiebetriebe unter großem Druck stehen und die Personalkosten einen ordentlichen Brocken ausmachen. Doch wie ist es mit der Firmenphilosophie vereinbar, dass für die Speisen allerbeste Zutaten verwendet werden, doch für deren Zubereitung die denkbar günstigste Methode gewählt wird (Leiharbeiter, bei Bedarf kurzfristig kündbar)? Wird die Kellnerin, die mies bezahlt wird, nicht auch so arbeiten? Wer kann es dem Küchengehilfen verdenken, dass er bei erstbester Gelegenheit die Weite sucht? Und wieso sollte überhaupt  irgendjemand dort arbeiten wollen, wo man so mit Mitarbeitern umspringt?

 

Der Fall Plachutta ist symptomatisch, weil damit gleich mehrere  Trends am Arbeitsmarkt aufgezeigt wird, die für den Wirtschaftsstandort, ja für die Gesellschaft bedeutsam sind:

 

  • Für Jobs, die nach Ansicht der Chefs nicht wichtig und austauschbar sind, wird nichts bezahlt - dafür werden bevorzugt Leihkräfte genommen, weil die noch leichter "abzubauen" sind und weil österreichisches Personal (nicht ganz zu Unrecht) nicht oder nur teilweise für Hungerlöhne arbeitet. Daran tragen sicher auch die hohen Lohnkosten Schuld, aber nicht nur.
  • Schlecht bezahlte Jobs führen aber direkt zum McJob-Phänomen, nämlich die aus den USA (und zunehmend auch aus europäischen Ländern) bekannte Problematik, dass ein Job nicht ausreicht.
  • Die Unternehmen finden keine Fachkräfte, heißt es immer wieder. Experten wie der deutsche Buchautor und Unternehmern Martin Gaedt weisen beharrlich darauf hin, dass das ein Mythos ist: Die Unternehmen sind selbst schuld, dass sie keine guten Mitarbeiter finden – sie zahlen schlecht, suchen nicht richtig, bieten nichts.
  • Dass heute ein Unternehmen nicht mehr wie vor 100 Jahren nach Gutsherren-Art geführt werden kann, hat sich speziell in vielen Familienbetrieben noch nicht herumgesprochen. Die Menschen sind auch als Mitarbeiter mündiger geworden, auch selbstbewusster. Die wirtschaftliche Lage macht es für Viele zwar notwendig, auch schlecht bezahlte, perspektivenlose Jobs bei miesen Chefs anzunehmen – doch das kann ja nicht Ziel eines Unternehmens sein, Leute nur aus Verzweiflung anstellen zu können. Indes ist auch im Top-Management noch immer von „Leitwölfen“ und ähnlich antiken Modellen der Mitarbeiterführung die Rede.

 

Also ist Herr Plachutta nur Sinnbild der Situation am Arbeitsmarkt und steht daher stellvertretend für viele Unternehmer im Gewitter. Das wird vorüberziehen, an der Wetterlage insgesamt wird das nichts ändern.

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