Shitstorm-Shitstorm

 

Plachutta, Ö3, Alf Poier – zuletzt gab es einige Beispiele für sogenannte „Shitstorms“ und das ist Anlass genug für bekannte Kommentatoren und Journalisten, direkt oder indirekt nach Selbstregulierung und Kontrolle zu rufen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Aufregung über die Aufregung nicht nachlassen wird – im Gegenteil.

 

Doch was steckt dahinter? Gerald Bäck hat schon einige sehr gute Gedanken dazu geäußert, hier einige weitere:

 

Machtverlust


Primärer Beweggrund für die anhaltende Beschäftigung mit Shitstorms durch bekannte Medienmarken und –häuser ist deren Gefühl, an Macht und Meinungshoheit zu verlieren. Früher, da war alles besser: Jede Zeitung und Zeitschrift konnte ihren Leserinnen und Lesern vor-schreiben, was die zu wissen und zu glauben hatten, abgestimmt auf die jeweilige Zielgruppe (von Krone bis Falter, von profil bis Computerwelt). Das hat sich geändert, man holt sich die Informationen eben aus unzähligen Kanälen ob Printmagazin, YouTube, Facebook, Twitter, Radio oder  Fernsehen. Das tut natürlich weh, bedeutet es doch das Ende der klassischen Kommunikationsparameter.

 

Geschäftsverlust


Machtverlust bedeutet immer auch Geschäftsverlust. Das ist logisch und man braucht sich nur die wirtschaftlichen Sorgen anzusehen, die die heimischen Medien haben.

 

Qualität!


Kernargument gegenüber den angeblich oberflächlich hingenudelten Shitstorm-Vorwürfen und  -Angriffen: Nur „richtige“ Medien haben die Fähigkeit und die Ressourcen, sich ausreichend einem Thema zu widmen, es mit Check, Re-Check, Double-und Dreifach-Check zu durchleuchten. Alles andere ist oberflächlicher, ja fahrlässiger Pseudo-Journalismus. Damit macht man es sich aber zu einfach: Nur weil jemand in 140 Zeichen seine Meinung kundtut statt auf drei A4-Seiten heißt das nicht, dass er sich nicht informiert hat und seine Haltung nicht ausreichend untermauern kann. In vielen Blogs ist mindestens soviel Weisheit und Qualität vorhanden wie in vielen Magazinartikeln. Es kommt wie so oft eben darauf an, wer etwas geschrieben hat. Der „Herr Strudel“-Kommentars in der Krone stellt ja auch nicht den Anspruch, ein „New Scientist“-Mehrseiter zu sein.

 

Qualität?


Dazu kommt, dass ja auf den Online-Portalen der etablierten Medien nicht ausschließlich bestens recherchierte, fundierte Artikel zu finden sind, sondern durchaus auch mal abgeschriebene, hingenudelte Texte oder Agenturmeldungen ohne Tiefgang – nur halt bunter und besser aufgemacht, mit schönerer Schrift und von schönen Bannern unterlegt. Dass sich die Printmedien angesichts ihrer Online-Auftritte als Moralapostel geben, ist erstaunlich.

Schnelligkeit

 

Von der Geschwindigkeit, mit der sich Shitstorms verbreiten, wird manchen Journalisten schwindlig. Das wird dann gerne als Vorwurf genommen, doch Schnelligkeit sagt noch nichts darüber aus, ob etwas richtig oder falsch ist, ob es gut recherchiert ist oder nicht.

 

Wer ist hier der Boss?


Das Unverständnis gegenüber Shitstorms hat auch mit den grundsätzlich undemokratischen, ja durchaus patriarchalischen Zuständen bei vielen Medien zu tun. Nun ist klar, dass ein Medienbetrieb nicht wie eine Kleingartengenossenschaft zu managen sein kann, da braucht es „Führungskräfte“. Doch dass in allen Redaktionen die große Meinungsvielfalt herrscht, ist ein Mythos. Dazu kommt: Aufregen dürften sich Redaktionen über Auswahl und Vorgehensweise der Shitstorm-Angriffe, wenn bei ihnen transparent und nach objektiven Kriterien ausgewählt würde. Aber das ist nicht der Fall: Der steigende Druck, Umsätze zu generieren, hat den Einfluss redaktions-fremder Elemente, der in Österreich traditionell eh stets recht hoch war, weiter ansteigen lassen. Auf deutsch: Oft kommen Geschichten ins Heft, die was der Kunde will. (Wobei der Kunde nicht unbedingt der Leser ist).

 

Anonymität im Shitstorm?


Etwas verwirrend ist die Vermischung von Debatten um die Anonymität im Internet mit jenen um die Funktionsweise (und die Wirkung) von Shitstorms. Anonyme Verleumdungen – wie sie auch in den Foren von Standard, Krone, Presse oder auch profil stattfinden – haben ja an sich nichts mit der breiten Erregung über Aussagen von Ö3-Moderatorinnen zu tun. Ein möglicher Vergleich mit dem Gemeindebau: Ein Shitstorm ist der Bassena-Tratsch, bei dem sich Nachbarn lautstark unterhalten, streiten und manchmal ausfällig werden. Ein anonymer Forumsbeitrag ist es hingegen, wenn ein (anonymer) Hausbewohner auf Passanten spuckt oder schimpft und dann rasch das Fenster schließt. Aber nur weil sich einer oder einige daneben benehmen, sollten wir nicht aufhören, miteinander zu reden, zu streiten und zu diskutieren. Shitstorms sind halt was Basisdemokratisches, da kann jeder mitmachen. Auch jeder Idiot. Das liegt in der Natur der Sache.

 

Die Verbindung von Shitstorm und Anonymität geschieht, so fürchte ich, auch wegen der Unfähigkeit der Medien, sich dem Thema „anonyme Postings“ endlich ernsthaft zu widmen, unter anderem aus Angst um User und Klickzahlen. Klar ist: Wo es Verleumdungen gibt, muss gehandelt werden. Die üblen Postings auf der Facebook-Seite von Heinz Fischer nach dessen Gratulationen an Conchita Wurst (von denen einige durchaus den Tatbestand der Wiederbetätigung erfüllen könnten) sind ein Beispiel dafür, dass viele (Hass-)Poster eben gar nicht anonym sind.

 

Das Medium transportiert die Botschaft, macht aber nicht die Botschaft. Wenn immer von einer „Netz-Gemeinde“ die Rede ist, die beispielsweise Frau Lichtenegger beleidigt haben soll, ist das eine unzulässige Verallgemeinerung. Einige können nicht an sich halten und beschimpfen, ja bedrohen andere Personen. Das ist aber nicht eine grundsätzliche Eigenschaft der „sozialen Medien“, sondern Eigenschaft der Menschen an sich. Neue Medien erleichtern das, aber es liegt in der Verantwortung jener, die entsprechende Plattformen (von Facebook bis Foren) parat stellen, das ausschließlich in einer erstens gesetzlich erlaubten und zweitens gesellschaftlich und sozial akzeptierten Form zu ermöglichen.

 

Wer macht mit?


Was zudem erstaunt ist die Tatsache, dass nicht etwa menschenverachtende, ja rassistische Postings in diversen Medien-Foren Anlass für diese Diskussion um Klarnamen und Shitstorms ist, sondern die Debatten um Prominente, die schließlich freiwillig in der Öffentlichkeit stehen. Und im Übrigen sind es nicht zuletzt die Promis auf Twitter, die mit ihren Meldungen diese erst richtig anfachen.  Zum Beispiel mit Meldungen, wie böse und sinnlos diese Shitstorms sind. Die Beschäftigung mit Shitstorms ist selbst zum Geschäft geworden. Zum Shitstorm-Shitstorm eben.

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