Wer sich am Hauptbahnhof wirklich feiern ließ

„Des is jo nur a Einkaufszentrum.“ Der Herr mit den drei Einkaufssackerln ist etwas enttäuscht vom Wiener Hauptbahnhof, der gestern, am 10. Oktober, offiziell eröffnet wurde. Was ihn bei der großen Eröffnungsfeier nicht davon abhält, sich gleich mal in die Schlange vor einem Drogeriemarkt einzureihen. Auf dem Weg dorthin wird er von allerlei lustigen Gesellen mit Gutscheinen, Werbezetteln und Gratiskostproben überfallen. Die Eröffnungsfeier-typische Menge aus Pensionisten, wichtigen Offiziellen, gelangweilten Polizisten und Medienvertretern bestaunt den neuen Verkehrs- und Einkaufsknotenpunkt an der Stelle des ehemaligen Südbahnhofs.

 

Von oben, von einer als „VIP-Bereich“ gekennzeichneten Zone im ersten Stock, blicken die wirklich Wichtigen, also Lokalpolitiker und ÖBB-Middle Management, auf das Fußvolk herunter. Sie beobachten, wie Menschen Bildschirme, Rolltreppen und Fahrscheinautomaten bestaunen, als wären sie noch nie auf einem Bahnhof gewesen. Wer genug gesehen hat, versammelt sich vor der Bühne, wo in Kürze der Auftritt jener Person erfolgen wird, die das alles dankenswerterweise ermöglicht hat. Dann kommt er auf die Bühne: Der ÖBB-Chef namens Steuerzahler. Er ist heute gut angezogen, es ist schließlich ein besonderer Tag.

 

Aber der Steuerzahler ist ungemein bescheiden, er rückt nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern bedankt sich artig bei seinen Mithelfern aus Land, Stadt und Staat: Der Wiener Steuerzahler wird erwähnt, der Minister Steuerzahler und natürlich sogar der Vize-Steuerzahler, der ein wenig steif wirkt, wie ein Kammerfunktionär. Aber jetzt klopfen sie sich gegenseitig auf die Schultern, die Steuerzahler und sind richtig fröhlich. Gut gemacht, lieber Steuerzahler. Ja, stimmt, werter Steuerzahler.

In der Menge macht sich nach einigen Minuten der Lobhudelei etwas Unruhe breit, die bunten Gratis-Taschen vom Desigual (sprich: „Däsigall“) sind ohnedies interessanter und beim Libro gibt es wohl auch irgendeine Aktion.

 

Auf der Bühne geht es munter weiter mit dem Loben: Während der Wiener Steuerzahler jetzt ein bisserl ins Schwitzen kommt, wird noch eine Steuerzahlerin auf die Bühne gebeten – fast hätte man sie vergessen, aber nur fast. Das darf nicht sein, jeder will dabei sein. Ihr Nachfolger als Steuerzahler bedankt sich: „Ohne dich wäre das nicht möglich gewesen!“ Danke, lieber Steuerzahler. Es gibt eine Milliarde Gründe, sich bei dir zu bedanken.

 

Anschließend darf noch ein Verwandter des Steuerzahlers sprechen, der Kirchengebührenbezahler. Auch er ist wohlgelaunt, aber etwas ausschweifend. Danach stehen alle für Interviews und Fotos zur Verfügung und der Andrang ist groß: Jeder will wissen, wie das der Steuerzahler bloß geschafft hat. „Eine sehr große Leistung“, hört man. Wie wahr, wie wahr.

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