Kein Witz: Wohlfahrt als Austria-Sportvorstand?

Wohlfahrt / Screenshot ÖFB-Homepage www.oefb.at

 

Stellen wir uns Folgendes vor: Ein international tätiges Unternehmen mit einem recht beachtlichen Jahresumsatz von mehr als 37 Millionen Euro und einem EGT von mehr als vier Millionen Euro sucht einen neuen Vorstand. Dazu werden nicht nur Personalberater engagiert, sondern es bildet sich auch eine „Task Force“ aus Aufsichtsratmitgliedern und Experten von Top-Firmen aus dem Ausland. Die Gruppe der Kandidaten, die streng nach ihren Qualifikationen beurteilt werden, wird von Woche zu Woche reduziert.

 

Und am Ende gewinnt dann doch kein internationaler Experte mit ellenlangem Lebenslauf und herzeigbaren Erfolgserlebnissen, sondern ein ehemaliger Mitarbeiter, einer aus dem Freundeskreis der Wichtigen und ehemals Wichtigen. Genau das könnte beim FK Austria passieren: Favorit auf den Posten als Sportvorstand ist laut Kurier derzeit Franz Wohlfahrt, ehemaliger Spieler und derzeit Tormanntrainer des österreichischen Nationalteams.

 

Typisch!, denken sich da die meisten Fußballfans. Zuerst groß nach den besten Sportdirektoren Europas suchen und dann erst recht einen der üblichen Verdächtigen nehmen. Wozu lässt man den Herrn Watzke aus Dortmund einfliegen, um dann den lieben Franzl mit dem wichtigen Job zu betrauen? Nur weil das der Schneckerl so wollte?

 

Das war auch meine eigene Reaktion – als Austria-Anhänger hat man ja in den letzten Monaten wahrlich einige Rückschläge (wienerisch: Gnackwatschn) hinnehmen müssen. Nach der Euphorie durch Meistertitel und Champions League war der spielerische Niedergang, ausgelöst durch unverständliche Entscheidungen des Managements (siehe Causa Manfred Schmid), umso schmerzlicher. Und die plötzliche Liebe zum angeblich modernen Pressing-Fußball bescherte uns ein paar wirklich unansehnliche Spiele daheim und auswärts. Ob Gerald Baumgartner, vormals mit St. Pölten mäßig erfolgreich, die Saison als Austria-Trainer beenden wird, dürfte von den ersten drei, vier Spielen der Frühjahrssaison abhängen.

 

Und nun noch das Theater um den Nachfolger des zuletzt heftig kritisierten Thomas Parits als Sportvorstand. Ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Posten bei einem Verein, denn hier die Balance zwischen Personalkosten und sportlichen Ansprüchen zu finden ist schwierig,  zumal bei einem für europäische Verhältnisse zwergenhaften Klub, der daheim mit einem finanziell übermächtigen Gegner konfrontiert ist. Da soll ausgerechnet Wohlfahrt der Richtige sein? Wo beispielsweise mit Jocelyn Blanchard ein ganz anderes Kaliber als Kandidat gehandelt wurde?

 

Aber halt! Weshalb sollte ein Blanchard mehr Übersicht haben als ein Wohlfahrt? Ausschlaggebend für das Misstrauen vieler Fans ist ja die vermutete Freunderlwirtschaft im Verein: An sich ist der Gedanke, auf Tradition und „Familie“ zu setzen, ja nicht schlecht - gerade als Gegensatz zu Konstruktionen wie es die Red Bull-Klubs sind. Schlecht wäre nur, deshalb professionelles Handeln dafür aufzugeben, also etwa Trainerposten ausschließlich an ehemalige Spieler zu vergeben oder sich von den immer gleichen Spielervermittlern beeinflussen zu lassen. Noch spricht aber nichts dafür, dass Wohlfahrt das tun könnte. Ein Gedankenspiel: Wenn Baumgartner noch im Frühjahr gehen muss, wird die Suche nach einem Nachfolger (hoffentlich keine Interims-Lösung) die erste große Aufgabe für den Sportvorstand sein. Dann wird sich weisen, ob man sich mit österreichischer Mittelmäßigkeit zufrieden gibt.

 

Es wird darauf ankommen, ob und wie sich der neue Sportvorstand am internationalen Markt umsieht, ob er die Nerven hat, auch schwierige Zeiten ohne Panikaktionen zu überstehen. Ob er beweist, dass die Mentalität der österreichischen Ex-Fußballer (Stichwort „Trottelsagerbuam“) nur ein Witz ist. Und ob er sich in der Austria-Familie seinen eigenen  Standpunkt bewahrt, unabhängig von den unzähligen Einflüsterern aus dem Dunstkreis der Sponsoren, Politiker und Legenden. Vor allem daran wird Herr Wohlfahrt zu messen sein – also hat er eine Chance verdient.

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