Empörungsbiedermeier

Empörungskultur  oder Neo-Biedermeier? Oder gar beides? Den klugen Kommentatoren kann man es nicht recht machen. Regen sich die Leute über etwas auf, dann wird beklagt, dass sich die Leute ja wirklich über alles aufregen müssen. Und dann wieder wird die Ignoranz der Masse – vor allem jüngerer Menschen – gegenüber den angeblich wichtigen Dinge beklagt. Die ganz besonders klugen Kommentatoren sehen gerade den allzu raschen Wechsel zwischen Empörung und Wurstigkeit als Problem.

 

Anlässlich der Protestaktion vor dem Café Prückel am Freitag hatten Klugscheißer rasche ihre Gedanken für launige Twitter-Ausrufe gesammelt: „2000 gegen das Prückel, aber nur eine Handvoll gegen Auspeitschungen!“ Hier ging es um scheinbare Banalitäten (Gaststättenverweis nach dem Kuss zweier Frauen), dort um Folter und Tod (1000 Peitschenhiebe für den saudischen Blogger Raif Badawi). Hier um die hysterische Reaktion einiger Gutmenschen, dort um ehrlichen Protest gegen ein Unrechtsregime. Offenbar, so der Grundtenor vieler Kommentare, hatten die dummen Kinder vor dem Prückel nicht begriffen, was in der Welt wirklich wichtig sei. Diese Social-Media-Fritzen, diese Twitteria-Mitläufer, diese rasch Empörten und noch rascher wieder Beruhigten. So mancher sah sogar ein Sittenbild der Wiener Gesellschaft gezeichnet.

 

Zunächst: Proteste gegeneinander aufzurechnen, das ist Unsinn. Darf nur noch demonstriert werden, wenn es um Tod und Folter geht? Darf jetzt nicht mehr gegen Tierquälerei gesprochen werden, weil es schlimmere Dinge gibt? Sollte es ein Ranking der Ungerechtigkeiten und Intoleranz geben, damit wir wissen, wann wir uns wo gegen was aufregen dürfen?

 

Dieser Zorn auf die angebliche Empörungskultur auf Twitter, oft von Medienleuten artikuliert, kommt auch von einem Gefühl des Kontrollverlusts, den die offiziellen Medien erleben. Aufregung entsteht heute nicht nur durch einen Aufdecker-Artikel, durch einen klugen Kommentar des Herausgebers. Natürlich gibt es immer wieder Katalysatoren dieser Aufregung, aber die Empörung lässt sich weniger leicht steuern als bisher. Der deutsche Soziologe Hauke Brunkhorst hat vor kurzem die Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung unter anderem im „Konformismus gegenüber den ökonomischen Eliten“ begründet.

 

Für eine Sache einzutreten, das ist immer eine relative Sache. In einem Land wie Österreich müssen wir nicht gegen Zensur, gegen Todesstrafe, gegen Folter demonstrieren. Was nicht bedeutet, dass nicht dennoch gegen Intoleranz, gegen Ignoranz, gegen Ausgrenzung aufgetreten werden kann, ja muss. Einmal die Forumsbeiträge bei Presse-Artikeln zum Thema Prückel durchlesen und es wird einem bewusst, was viele ÖsterreicherInnen denken. Es ist gerade diese stille Aggressivität, dieser Hass gegen alles Andere, gegen alles Fremde, die Angst macht. So fortschrittlich wie das Conchita-Wurst-Heimatland jetzt tut, ist es gar nicht. Dazu brauchen wir nicht die nächsten Wahlen, die nächsten Facebook-Kommentare unter Strache-Postings oder die ersten Pegida-Aufmärsche abwarten, um das zu erkennen. Besser zu Recht empört als nur herumsitzen und Proteste gegeneinander aufrechnen.

 

Die österreichische Gesellschaft ist vergleichsweise offen, doch der Geist der Intoleranz, der Ewiggestrigen ist nicht verflogen. Wenn Menschen gegen Homophobie auftreten ist das ein gutes Zeichen - auch dafür, dass es mehr gibt als sinnbefreite Empörungskultur oder Biedermeier-Passivität.

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