Kraut & Rüben: Meinungshoheit versus Meinungsfreiheit

„Schmuddelblog“ oder ein Hort der Meinungsfreiheit? Rund um eine neue, etwas seltsam anmutende Internet-„Meinungsplattform“ namens „fisch & fleisch“ ist ein Disput entbrannt. Einer der Auslöser war der Beitrag einer Impf-Gegnerin und die nachfolgende, durchaus berechtigte Aufregung – schließlich wurden da eine Menge Halbwahrheiten verbreitet. Gerade in einem heiklen Bereich wie in der Kindermedizin sollte man oberflächlichen Behauptungen aufpassen. Auch sonst finden sich einige Beiträge, die die Grenze zum gefährlichen Schwachsinn überschritten haben.

 

Nun hat Ingrid Broding, seit kurzem bei profil, in einer Glosse für ihren neuen Arbeitgeber das Thema aufgegriffen. fischundfleisch habe eine „seltsames Verständnis von Meinungsfreiheit“, denn diese sei eben „keine Narrenfreiheit“ und „skurrile oder gefährliche“ Worte sollte man nicht Gehör verschaffen. Brodnigs Kernargument: „ Deswegen dürfen sich Medien auch aussuchen, welchen Menschen sie Platz bieten.“ Ein durchaus berechtigter Einwand, zumal bei fisch & fleisch wirklich kein System zu erkennen ist: Neben bekannten JournalistInnen (etwa von profil, Format, Wiener Zeitung, etc.) finden sich Leute aus Wirtschaft, Politik, Marketing und den „Seitenblicken“. Eine echte Kraut & Rüben-Mischung; neben fundierten, sachlichen Argumenten und interessanten Ansätzen findet man daher harmloses Gegackere von Selbstdarstellern ebenso wie erkennbaren Schwachsinn. Kochrezepte gibt es ebenso wie Politdiskussionen, Esoterik-Phrasen ebenso wie Hilferufe.

 

Das Ziel der fisch & fleisch-Betreiberin Silvia Jelincic (vormals Format) scheint klar: Mit Hilfe „großer“ Namen hohe Aufmerksamkeit und etwas Seriosität garantieren, mit Hilfe von Teilzeit-„Bloggern“ in die Untiefen und Nischen der Meinungsmache vorstoßen. fisch & fleisch sei eine „Experten-Schmiede“, heißt es. Über das Konzept mag man diskutieren; technisch ist das Ganze gar nicht so schlecht gemacht wie es zunächst aussieht und eine Diskutier-Plattform in Österreich könnte ja nicht schaden. Dass ausgerechnet das Branchenmagazin „Der Österreichische Journalist“ Frau Jelincic vor kurzem einen Sonderpreis für „Innovation“ überreicht hat, ist hingegen ein Treppenwitz, den man nicht erfinden hätte können.

 

Wichtiger ist ohnedies die  zugrundeliegende Diskussion um Meinungsfreiheit: Michael Fink antwortet in einem Kommentar auf besagter Plattform auf die Glosse von Ingrid Brodnig: Die „Tugendwächter“ und „journalistischen Eliten“ würden auf diese Weise einen Einblick in ihre „meinungsautoritäre Denkweise“  ermöglichen; die „publizistische Compliance-Abteilung“ in den Verlagen würde sich quasi zum Moralhüter aufspielen. Auch wenn das überspitzt ist und profil-Autorin Brodnig gar nicht die Moralkeule geschwungen hat: Finks Argumente sollten den bekannten Medien mehr zu denken geben als sie es vermutlich tun. Diese zitierte „Meinungshoheit“ ist nämlich genau das, was große Medienmarken derzeit verteidigen müssen – schon aus wirtschaftlichen Gründen. In der großen Masse an Informationen, die täglich über uns hereinbricht, spielen bekannte Zeitungen, Magazine und Plattformen  nicht mehr die Rolle, die sie noch vor wenigen Jahren gespielt haben. Niemand wird eine tiefgreifende Reportage, eine fein ziselierte Herausgeber-Meinung oder eine 20minütige TV-Dokumentation mit einem dahingenudelten, oberflächlichen Blogbeitrag vergleichen. Aber die großen Medienmarken haben mit dem Informationsmonopol eben auch das Meinungsmonopol verloren. Das tut schon ein bisserl weh und hat das Selbstwertgefühl nachhaltig zerstört.

 

Zu Recht argumentieren die fisch & fleisch-Gegner, dort müsste man sich eben genauer ansehen, was da an (möglicherweise gefährlichem) Unsinn verbreitet wird. Andererseits: Wer Schwachsinn für bare Münze nimmt, dem ist ohnedies nicht zu helfen und halbwegs intelligenten Menschen ist eine solche Unterscheidung durchaus zuzutrauen. Es wird ja auch niemand Sinnlos-Videos auf Facebook oder ironische Tweets als ernsthafte Konkurrenz zu seriösen Medienformaten bezeichnen. Für diese seriösen Medien stellt sich eher die Frage, wie sie ihre Trutzburg der Qualität und Seriosität verteidigen, zugleich aber vom hohen Ross der angeblichen Meinungshoheit heruntersteigen - um dem Publikum zu zeigen, dass es ernst genommen wird.

 

Noch nie waren Drang und Möglichkeiten, sich zu artikulieren, so groß wie heute. Ob fischfleich-Meinungsbazar, Standard-Forum, Facebook oder Twitter: Wir alle wollen und können ständig unsere Meinung kundtun. Dass viele bekannte JournalistInnen bei fisch & fleisch mitmachen wollen, unterstreicht das ja. Meinungshoheit versus Meinungsfreiheit – ein Diskurs, der die Medienbranche schon immer beschäftigt hat und noch ewig beschäftigen wird.

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