Beleidigende Postings - was mache ich nun?

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Mit dem Satz „Früher war alles anders“ sollte kein Text beginnen, nicht mal hier. Aber er passt halt so gut: Früher war alles anders – und dieses Früher ist noch gar nicht so lange her. Die große Mehrheit der JournalistInnen konnte sicher sein, dass die Reaktion auf Ihre Arbeit überschaubar und zumindest stark kanalisiert und kontrolliert war: Leserbriefe, einige erboste Anrufe, Blattkritik, Kopfwäsche von der Kollegenschaft- das war es auch schon. Seit der Entdeckung des Postings ist diese beschauliche Zeit vorbei, die Kommunikation läuft in beide Richtungen. LeserInnen können rasch und vielfach auch ungefiltert ihre Meinung zu der journalistischen Arbeit äußern. Das ist im Prinzip gut so und bringt auch den Journalisten was: Ehrliches, schnelles Feedback auf ihre Arbeit, Hinweise  zur Ergänzung und Verbesserung, Ideen für neue Artikel. Jüngst wurde auf einer Journalisten-Konferenz laut Überlieferung gesagt, dass Journalisten, die sich bei ihren Recherchen einfach auf Google verlassen haben, sofort von den Lesern aufgeblattelt werden. Gut so.

 

Jetzt gibt es aber einen großen Nachteil bei dieser netten Kommunikations-Party: Was tun mit Gästen, die sich daneben benehmen? Ein Thema, das von einzelnen Medien unterschiedlich gehandhabt wird, doch die Reaktionen auf beleidigende, untergriffige Meinungen wurden zuletzt schärfer – auch weil sich verstärkt Anwälte der Sache annehmen müssen. Was aber tun Journalisten selbst, vor allem freie Journalisten, wenn sie mit harscher Kritik konfrontiert werden?

 

Der aktuelle Anlass: Unter den Reaktionen auf einen Artikel, den ich vor kurzem für das profil (Ressort Wissen) geschrieben haben, waren auch einige untergriffige. So hat einer der Gesprächspartner für den Artikel kurz nach Online-Stellen der Geschichte im profil-Forum die Frage gestellt: „Sind Sie unfähig oder politisch/finanziell korrumpiert?“.

 

 

 

Zunächst war ich sprachlos, denn besagter Herr (ein Professor an einer österreichischen Universität) kommt sogar im Text vor. Offenbar erschien ihm der Artikel selbst aber nicht zu gefallen. Auch auf Facebook gab es größtenteils negative Kommentare, was ich angesichts der Thematik (es gibt Zweifel an der Unbedenklichkeit von E-Zigaretten) durchaus verstehe. Speziell RaucherInnen sehen diese Variante oft als Chance, von herkömmlichen Zigaretten wegzukommen, daher sind Emotionen im Spiel. Daher gab es weniger sachliche Kritik als vielmehr generelle Verdächtigungen.

 

Aber welche Reaktion ist auf wirklich beleidigende Postings die richtige? Lisa Stadler ist Social Media-Managerin beim Standard, sie bezeichnet sich selbst als „digitale Mistkübelausleererin“. 25.000 Postings sind es pro Tag, die beim Standard eintreffen und nach Möglichkeit unter die Lupe genommen werden müssen. „Die allergrößte Mehrheit davon ist in Ordnung“, erzählt Stadler. Sie weiß aber auch, dass die Reaktion auf Kritik oder auf Beleidigungen oft eine Sache der Tagesverfassung ist. „Mal sieht man es strenger, mal nicht.“ Auf Ihrem eigenen, privaten Blog ist sie deutlich rigoroser: „Was beleidigend ist, wird gelöscht.“ Reaktion auf Kritik sieht sie prinzipiell als gute Sache, auch harte Kritiker würden darauf positiv reagieren. „Weil sie dann sehen, dass man sich mit ihrer Meinung auseinander setzt.“ Dadurch könnten JournalistInnen ein sachlicheres Klima schaffen.

 

Beim Standard selbst sind zwölf Personen für das sogenannte „Community-Management“ zuständig – kein Wunder, hat die Online-Plattform der Tageszeitung  ihre Vorreiterrolle bei digitalen Medien ja auch wegen der oftmals witzigen und spannenden Forumsbeiträge geschafft. Die Frage, die sich aber vor diesem Hintergrund für freie Journalisten stellt, die nicht fix in eine Redaktion eingebunden sind oder selbst Blogs betreiben: Wie reagiere ich als Einzelperson?

 

Dazu gibt es ja mehrere Möglichkeiten:

 

Ignorieren

Vordergründig am einfachsten wäre es, gar nichts zu tun. Die Königsdisziplin dieses Nichtstuns wäre es, gar keine Postings oder sonstigen Reaktion zu lesen. Motto: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß! Aber wer schafft das schon? Und ist das heutzutage sinnvoll? Also nur lesen und nichts tun? Das wiederum könnte als Arroganz abgetan werden, es vertun sich Chancen zur Kommunikation und außerdem will man ja (unwahre) Behauptungen nicht im Raum stehen lassen.

 

Direkt reagieren

Man könnte gleich antworten, direkt als Posting oder sogar persönlich. Ich habe das im oben erwähnten Fall getan, im Nachhinein gesehen doch unüberlegt (und damit auf einer Stufe mit Zorn-Postern): Ich habe besagten Professor angerufen (ich hatte ja für den Artikel interviewt) und ihm angeboten, wir könnten uns über die Thematik nochmals in Ruhe unterhalten, ich würde mir seine Argumente nochmals anhören und auch seine Kritik am Artikel. Was ich mir aber nicht unterstellen lassen würde, wäre Bestechlichkeit. Das sei für mich als freie Journalisten eine Sache für den Anwalt. Der Gesprächspartner wollte das Posting auf der profil-Homepage entfernen lassen, er habe aber rechtlich keine Angst. Über Inhalte des Artikels wollte er nicht reden.

 

Löschen und sperren

Beim Standard werden beleidigende Postings gelöscht oder gar nicht erst online gestellt. Das ist natürlich eine weitere Option: Die Redaktion des betreffenden Mediums bitten, solche Postings zu entfernen. Oder ist das dann Zensur? Und wer sollte da die Initiative ergreifen?

 

Gerichtlich reagieren

Oder doch mit dem Anwalt kommen? Und kann ich das als freier Journalist überhaupt? Anwältin Katharina Braun, die sich öfters mit dem Thema beschäftigt, rät im Gespräch, eher den Verlag damit zu betrauen – der hat wahrscheinlich öfters mit solchen Fällen zu tun. Generell zahle es sich aber meist nicht aus, auf Postings zu reagieren. Die Leser würden ohnedies erkennen, was irrelevant sei und was sachliche Kritik. Fakt ist auch: Freie Journalisten begeben sich möglicherweise aufs Glatteis, wenn sie selbst die Initiative ergreifen; besser ist eine Abstimmung mit dem Verlag.

 

Also? Was tun?

Nach Rücksprache mit der Online-Redaktion des profil wurde das beleidigende Posting entfernt. Das sei der beste Weg, auf so etwas zu reagieren, waren wir uns letztendlich einig. Auf andere Postings habe ich nicht reagiert, auch wenn es mich bei manchen Meinungsäußerungen (speziell auf Facebook) doch gejuckt hätte. Erfahrungsgemäß sind die meisten Leserinnen und Leser ja bei einer direkten Ansprache viel sachlicher und zu ehrlichen Diskussionen bereit. Aber da habe ich wiederum Hemmungen, als (privater) FB-Nutzer zu reagieren.

 

Tatsache ist, dass es in Redaktionen mit einem richtigen Community-Management wie beim Standard mehr Sicherheit und auch mehr Möglichkeiten für Autoren gibt. Gerade freie JournalistInnen werden sonst immer die Qual der Wahl zwischen mehreren Optionen haben, von denen keine die ideale zu sein scheint. Redaktionen sollten hier meiner Meinung nach klare Richtlinien haben und das auch kommunizieren. Es gibt aber Grenzen für den Einzelnen: Beleidigungen, Unterstellungen oder gar Bedrohungen  müssen gelöscht werden und sind im Extremfall sogar ein Fall für den Anwalt.

 

Nachtrag 20. April:

Schriftstellerin Julya Rabinowich, die selbst eigentlich gerne auf Postings und Feedback (ewta auf ihre Beiträge im Standard) reagiert, hat mir geschrieben, sie würde sich in Zukunft eher rar machen - wegen der Qualität dieser Reaktionen. Sie meint jedenfalls: "Gewaltaufrufe und Drohungen sind umgehend zu löschen." Bei Untergriffigkeiten unterschiedlichen Härtegrades liege die angemessene Reaktion im Auge des Verfassers - "wenn überhaupt eine erfolgen soll", so Julya Rabinowich.

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