Like mich....

Like mich doch

Marcel Koller, Trainer der österreichischen Fußballnationalmannschaft, hat die Qual der Wahl: Wen soll er links in der Verteidigung spielen lassen? Christian Fuchs oder Markus Suttner? Die Entscheidung fällt ihm leicht: Fuchs hat auf Twitter mehr als 9000 Follower, Suttner nur rund 2500. Da muss natürlich Fuchs spielen.

 

Undenkbar? Im Profisport eher schon, im Journalismus nicht. Vor kurzem meinte „Heute“-Chefin Eva Dichand, die Popularität von Journalisten in den Sozialen Medien sei ein wichtiges Kriterium. Gut, es geht ja nur um eine Gratiszeitung, könnte man jetzt meinen. Aber das ist nicht so: Auch in anderen Medien spielen Bekanntheit und Beliebtheit auf Online-Plattformen eine gewisse Rolle. Gerade vor dem Hintergrund mangelnder (oder besser: nicht vorhandener) Digital-Strategien ist für Verlags- und Medienverantwortliche die „Reichweite“ von Journalisten eine Möglichkeit, in diesem komischen Internetz zumindest ein bisserl Offensivkraft zu beweisen.

 

Das ist nicht unproblematisch, meine ich. Und zwar aus mehreren Gründen:

 

  • Für die Medien-Marke kann die Beliebtheit der JournalistInnen ein zweischneidiges Schwert sein: Einerseits profitiert die gesamte Marke davon, andererseits könnte diese gegenüber der Personenmarke in den Hintergrund treten. Bekannte Probleme von Printmedien lassen sich ja kaum mit dem hohen Bekanntheitsgrad einzelner Akteure auf Social-Media-Plattformen lösen, beispielsweise sinkende Auflagenzahlen oder Rückgang der Anzeigen. Natürlich folgen die Follower einer Journalismus-Marke auch zu einem anderen Magazin – aber was bringt das außer ein paar Klicks? Kauft jemand die Zeitung XY, weil Social-Media-Größen dort schreiben?

 

  • Aber auch für die Personen-Marke selbst ist die Koppelung an die Medienmarke problematisch. Meist gibt es vorauseilenden Gehorsam und getwittert, verlinkt und geliked wird ausschließlich das, was der Chefredaktion gefällt oder was Kolleginnen und Kollegen geschrieben haben (Stichwort: „Lesenswert!“). Oder könnten wir uns allen Ernstes vorstellen, dass Armin Wolf einmal twittert: „Das ORF-Programm ist heute ein wirklicher Schas“? Oder dass MitarbeiterInnen einer Printzeitung einen provokanten Gegenkommentar zum Leitartikel posten?

 

  • Journalistische Leistung wird durch Social-Media-Getöse verzerrt, zumindest ab und zu. Selbstvermarktung ist natürlich nicht nur in den Medien von enormer Bedeutung. Ein Trend, der ja recht lustig wäre, würde sich nicht mitunter die Frage stellen: Wo woar mei Leistung? Im Forschungsbetrieb ist es ähnlich, wie die Diskussion um mehr Förderungen für den populären, medienaffinen Vorzeigewissenschaftler Josef Penninger zeigt: Ein Uni-Professor monierte in einem Standard-Kommentar, heute müsse nur einer laut schreien und über die richtigen Netzwerke verfügen, um an Gelder zu kommen. Das könnte dazu führen, dass jene, die am lautesten schreien, irrtümlich für die Besten gehalten werden. Im Journalismus gilt das wohl ebenso wie im Wissenschaftsbetrieb.

 

  • Die Stillen werden übersehen: Eine ganze Reihe ausgezeichneter Journalistinnen und Journalisten tun gar nichts für ihre Eigenvermarktung – außer ausgezeichnet zu arbeiten. Ist das heute schon zu wenig? Die Verlage lassen es ihren Schreibern offen, ob sie sich selbst vermarkten – und das fördert erst recht wieder die Lauten, die Auffälligen.

 

  • Braten im eigenen Saft. Die Jagd nach Followern, Likes und Resonanz in Social Media – das alles könnte dazu führen, dass Journalistinnen und Journalisten sich selbst beschränken, was die Auswahl von Themen betrifft. Man kennt das ja: Wenn man eine Meldung auf Twitter oder Facebook loslässt, bekommt man von seinen „Freunden“ Zustimmung. Da ist die Gefahr ist groß, nach dieser Zustimmung zu gieren und die Relevanz dieser „Freundeskreise“ zu überschätzen.

 

Social-Media-Plattformen sind natürlich unverzichtbar, doch wir alle sollten uns öfter mal fragen, was die Folgen ungehemmter (Selbst)Vermarktung sind. Machen sich Journalistinnen und Journalisten längst zum Affen des Online-Publikums?

 

PS: Und wenn jetzt jemand meint: Na gut, der Prazak mit seinen 600-irgendwas Followern auf Twitter und seinem Nichtvorhandensein auf Facebook ist ja nur neidisch. Nein, leider, da muss ich Euch enttäuschen, neidisch bin ich nicht. Tausende Follower würden genauso wenig über mein Können oder mich selbst aussagen wie null Follower oder zwei Follower. Vergleichsweise wenig Popularität auf Facebook, Twitter, etc. liegt vor allem am eigenen Unvermögen (erstens) und am Unwillen (zweitens), da mehr zu machen. Und auch daran, dass ich nicht für eine große, bekannte Medienmarke stehe. Als freier Journalist muss ich auch gar nicht ständig das loben, was andere machen. Oder das sagen, was ChefredakteurInnen wollen.

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