Darf man bei der WM zusehen?

Ruhigen Gewissens nach Brasilien schauen?

 

Schon bei der WM in Südafrika waren Zuschauer, die sich abseits von „Mega-WM“-Beilagen, Promi-Tipps und sinnentleerten Statistiken auch für andere Aspekte einer solchen bombastischen Sportveranstaltung interessieren, in einem Dilemma. Die Mär von der Entwicklungshilfe seitens der FIFA für ein Land war ja schon damals im Vorhinein als fadenscheinige Ausrede entlarvt worden. Spätestens heute, da die Riesenstadien in Südafrika als wenig gebrauchte, aber eigentlich funktionstüchtige Überbleibsel des Spektakels an die gebrochenen Versprechen der WM-Veranstalter gemahnen, zweifelt kaum jemand, dass die angebliche Erste Hilfe für Südafrika nur den Sponsoren, der FIFA, internationalen Konzernen und der Wirtschaftselite des Landes geholfen hat. Gut, es wurden jede Menge Jobs geschaffen – aber was hat der Security-Leiharbeiter heute noch davon?

 

Zugesehen haben wir Fußballfans dennoch. Und wir werden auch die Übertragungen aus Brasilien ansehen, obwohl diese WM mindestens so bedenklich ist wie die letzte. Wirklich? Gigantische Bauprojekte wie das Stadion in Manaus in Amazonien haben doch nach Ansicht vieler Politiker, Lobbyisten und sonstiger Auskenner nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der jeweiligen Region. Dass Manaus nun – wie beispielsweise in einer hervorragenden DiscoveryChannel-Dokumentation zu sehen war – nun an das Stromnetz der Küstenregion angeschlossen wird, haben die Bewohner nicht zuletzt der WM zu verdanken. Also: Danke, liebe FIFA! Oder doch nicht? Projekte wie das Stadion in Manaus (Kostenpunkt: 220 Millionen Euro) oder die erwähnte gigantische Stromleitung (Kostenpunkt angeblich bis zu einer Milliarde Euro), die unter anderem den Amazonas überqueren musste, sind eher der Beweis, dass hier Wirtschaften nach dem alten System des „Geht nicht, gibt´s nicht“ und durch Niederwalzen jedweder Einsprüche und Bedenken gemacht wird. Auf den ersten Blick scheint es ja löblich, dass eine wirtschaftlich benachteiligte Region Investitionen erhält, doch ein zweiter und dritter Blick schadet normalerweise nicht. Jahrelange Verzögerungen solcher Riesenprojekte sind nicht immer Ausdruck sturer Verhinderungspolitik von Fortschrittsverweigerern, sondern geben die Chance, über die Sinnhaftigkeit, die Umweltverträglichkeit und die langfristigen Folgen nachzudenken. Im Zuge einer WM werden dem angeblichen Landeswohl aber solche Bedenken husch-pfusch geopfert. Übrigens: In Manaus gibt es nur ein Team der vierten Liga, die Zuschauerzahlen liegen im Schnitt bei 2000.

 

War es unbedingt nötig, in jeder Region des Landes ein Stadion hinzupflanzen oder bestehende brachial zu modernisieren? Mussten Favelas vor der WM „befriedet“ werden, um das Image des Landes zu säubern? Und das sind nur Teilaspekte viel größerer Fragen rund um die WM: Was bringt eine solche Veranstaltung wirklich für das Land? Was bleibt vom immensen Gewinn, eingezahlt von Sponsoren, Zuseher, Fernsehgebühren, WM-Touristen, etc dem Land wirklich? Mit obskuren Milchmädchenrechnungen wollen FIFA und ähnliche Vereine zeigen, was eine WM bringt. „Umwegrentabilität“ heißt das Zauberwort, dass Politiker und Journalisten gleichermaßen ungeprüft verwenden. Ob aber aus Investitionen tatsächlich langfristiges Wachstum wird, weiß niemand. Nicht vergessen: Projekte wie Stadienbauten dienen nur dann nicht der kurzfristigen Umsatz- und Gewinnmaximierung, wenn sie in langfristige Strategien eingebettet sind. Ist das in Brasilien der Fall? Die FIFA macht es sich einfach: Hier, da habt Ihr die WM – nun macht, was Ihr wollt. Und bitte recht bombastisch!

 

Eine WM dient wie jede Veranstaltung dieser Größenordnung und weltwirtschaftlichen Bedeutung vor allem dem bestehenden System, das sollten wir nie vergessen. Der Fußball hat hier zwei Rollen: Eine Handvoll von Unternehmen (und ein Verein wie die FIFA) verdient daran sehr gut, die breite Masse wird nach dem „Brot und Spiel“-Vorbild zufrieden- und ruhiggestellt. So funktioniert Massenunterhaltung eben, das wäre an sich noch nicht so schlimm. Übel wird´s, wenn damit bestehende Ungerechtigkeiten zugedeckt oder sogar verstärkt werden. Es ist ein Unterschied, ob man wegen des Fußballs im Stau steht oder wegen des Fußballs sein Haus verliert.

 

Ob sich bestehende soziale Probleme zudecken lasssen, scheint aber diesmal fraglich. Die Stimmung in den Straßen der brasilianischen Städte sehen wir nicht zuletzt durch die Straßenbilder von Künstlern wie Paulo Ito. Er spricht in einem Interview sogar von der Gefahr eines Bürgerkrieges. Die sozialen Spannungen in dem angeblichen Wirtschaftswunderland Brasilien können bei der WM alleine wegen des geballten Auftretens internationaler Medien nicht wirklich überspielt werden.

 

Also: Darf man dennoch ruhigen Gewissens bei der WM zusehen? In einem Interview mit dem Standard hat beispielsweise der Philosoph Klaus Zeyringer zugegeben, auch in die WM-Falle zu tappen. Wem es ähnlich geht, darf sich damit beruhigen, dass Zusehen ja nicht Zustimmen heißt. Auch Fans eines Bundesliga-Vereins gehen ja nicht nur ins Stadion, um jedem Blödsinn zuzujubeln, der am Rasen oder im Vorstand ihres Klubs passiert. Insofern hat es wenig mit Kritikunfähigkeit zu tun, bei Kroatien vs. Brasilien via Fernsehgerät dabei zu sein. Wir sollten nur wissen, was eine WM mit sich bringt, was das Ganze für die Menschen in Brasilien bedeuten könnte und welche dubiose Rolle die FIFA spielt.